friedrich achleitner: architektur und dichtung
  Ein aut: feuilleton
   
erschienen in der aut: info, Nr. 1/2008   
   

Der Titel ist absichtlich „Architektur und Dichtung“ und nicht „Architektur und Sprache“. Ich habe mich immer gewehrt, Architektur und Dichtung in Beziehung zu bringen. Eine Art Notwehr. Zwischen Architektur und Sprache gibt es sicher Analogien, eher in der Rezeption als in der Konzeption. Architektur kann mit genügender kultureller (formaler, ornamentaler) Anreicherung narrativ sein, ein Gedicht kann als Konstellation von Wörtern wie die Architektur auf sich selbst verweisen. Wir behaupten, dass ein Gedicht gut gebaut ist, und der Begriff Satzbau ist geläufig. Architekturen und Sprachen haben Regeln, Grammatiken, Vokabeln, die nur in ganz bestimmten Verhältnissen zueinander etwas bedeuten.

Trotzdem: Architektur ist nicht Sprache und Sprache ist nicht Architektur. Man kann bei den Sprachen die Kommunikation und bei den Architekturen ihre praktische Leistung überbewerten. Sprechen und Bauen. Und man kann die Dichtung als den artifiziellen Umgang mit der Sprache bezeichnen (Wahrnehmung als Genuss, als Droge) oder die Architektur als kulturelle Mitteilung.

Natürlich kann man alles mit allem vergleichen, und da Dichtung und Architektur Hervorbringungen des Menschen sind, ist dies umso leichter. Und da sie in der höchsten Form künstlerische Hervorbringungen sind, provoziert das sozusagen den Vergleich. Und Vergleiche brauchen Unterschiede. Der größte Unterschied besteht wohl darin, dass Architektur nicht primär wahrgenommen, sondern gebraucht wird. Erst die kulturelle Erfahrung, die distanzierte Betrachtung, der ästhetische Konsum machen aus der Architektur eine Kunst. Konzeption und Rezeption befinden sich in einem spiralförmigen Prozess. Wahrscheinlich war die Konzeption (das Bauen) zuerst da und die erste Rezeption betraf Gebautes, und dann drehte sich die Spirale weiter.

Das könnte man auch von der Sprache behaupten: Zuerst war das Sprechen, daraus entwickelten sich die Konstruktionen von Sprachen. Stimmt, nur kann die Sprache Architektur beschreiben (die Kenntnis von Bauten vorausgesetzt), aber die Architektur als räumliches Medium hat diese Eigenschaften nicht. Sie wird erst „lesbar“ über die Produktion von Elementen mit zeichenhaftem Charakter, die sich diese Eigenschaft erst kulturell erwerben müssen. Architektur ist eine Welt, Sprache ist eine Funktion in der Welt. Dichtung eine andere.

Dichtung kann oder muss sich auf das kollektive Gedächtnis einlassen, bleibt aber die Leistung einer/-s Einzelnen. Architektur kann konzeptionell die Leistung eines Einzelnen sein, ihre Verwirklichung ist aber ein kollektives Unternehmen. Insofern stehen Architektur und Dichtung polar gegenüber. Die Überschneidungen, die Übergänge kann man ausfindig machen, aber was bringt‘s? Mit Sicherheit einen Erkenntnisgewinn. Oder eine gute Ausstellung.


friedrich achleitner
geb. 1930 in Schalchen (OÖ); 1950 – 53 Architekturstudium an der Akademie der bildenden Künste in Wien, Meisterklasse Clemens Holzmeister; 1953 – 58 freischaffender Architekt; seither freier Schriftsteller und Architekturpublizist; 1983 – 98 Vorstand der Lehrkanzel für „Geschichte und Theorie der Architektur“ an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien; Zahlreiche Publikationen, darunter der seit 1980 in Einzelbänden erscheinende „Führer zur Österreichischen Architektur im 20. Jahrhundert“


aut: feuilleton
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 aut: veranstaltungenausstellung architektur in wörtern